Spiraldynamik® -Jahreszeitschrift 01/96
Lehrer als Zehnkämpfer
von Renate Lauper Bieli
   
Sitzen  

bewegen

Lehrer als Zehnkämpfer

 

Bis jetzt haben sich vor allem
Bewegungsspezialisten mit dem
Thema Haltungs- und Bewegungs-
koordination auseinandergesetzt.
Weshalb werden jetzt die
Generalisten, die Lehrkräfte der
Volksschule, angesprochen? Noch
eine Aufgabe mehr?

  
 
 
Viele Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich jetzt schon als reine Zehnkämpfer. Sie unterrichten zahlreiche Fächer, haben Ziele der Persönlichkeitsbildung und Gesundheitserziehung wahrzunehmen, die Klasse als soziales Gefüge zu fördern und vieles mehr. Was oft fehlt, ist eine verbindende Basis. Jedes Ziel wird losgelöst vom anderen angestrebt. Körperlichkeit zum Beispiel findet in der Turn- halle statt, obwohl wir stets körperlich sind: beim Sitzen, Schauen, Sprechen, Fühlen, Denken und Handeln. Gerade unsere Körperlichkeit bietet zahlreiche Chancen, Wesentliches zu lernen, vor allem auch, Freude auf dem Lernweg zu entwickeln. Präsenz, Wachheit des Geistes, Atemfluss, Klang und Resonanz der Stimme entstehen mit einer aufrechten, ausbalancierten Haltung. Es ist eine grosse Chance, wenn Menschen bereits in der Schulzeit die Bedeutung des Körperbewusstseins erfahren und nicht erst, wenn sie als Erwachsene mit Unwohlsein, Verspannungen und Schmerzen konfrontiert sind. So gesehen helfen die Erkenntnisse der Spiraldynamik den Lehrkräften in vielen Fächern, eine körperliche und seelische Grundlage für einen solchen Lernprozess zu schaffen.

 

Tatsächlich befindet sich die Schule heute an der Schwelle zu einem neuen Denken, Fühlen und hoffentlich auch Handeln: Erhaltung kommt vor Expansion, Qualität vor Quantität, Kooperation vor Wettbewerb, Partnerschaft vor Beherrschung. Dieser tiefgreifende Wertewandel braucht Unterstützung und Nahrung, speziell auch im Kindes- und Schulalter. Um beispielsweise Qualität vor Quantität stellen zu können, brauche ich ein entsprechendes Erlebnis. Bewusst gelebte Körperlichkeit kann diesen Reifungsprozess unterstützen, damit ich als Mensch wirklich fähig werde, innere Stärke und Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln, um über die Sorge um mich zu lernen, mit anderen und der Natur sorgfältig umzugehen. Das Hauptinteresse liegt deshalb beim heranwachsenden Menschen und dessen körperlicher Erfahrungswelt. Das Erleben gesunder Bewegung ermöglicht es, etwas vom Sinn und vom dynamischen Gleichgewicht des Lebens zu erfahren. Jede wertvolle, in diese Richtung zielende Arbeit verdient es, mit- und weitergetragen zu werden, in der Hoffnung, die Schule könne sich immer mehr von einer Organisation zu einem lebendigen Organismus entwickeln, der Menschen reifen und Menschlichkeit entstehen lässt.
  Renate Lauper Bieli,
Lehrbeauftragte an der höheren Pädagogischen
Lehranstalt HPL Zofingen