Konzept des club minu -
ein Verhaltenstraining für übergewichtige Kinder und ihre Eltern
Das im folgenden beschriebene Verhaltenstraining beinhaltete insgesamt 15 Eltern- und Kindertreffen in zweiwöchigen Abständen, plus ein zweiwöchiges Sommerlager für die Kinder. Die Programm-Schwerpunkte lagen in den Bereichen Ernährung, Bewegung, Kommunikation und Selbstwert sowie Freizeitaktivität.
Aufnahmebedingungen für das Verhaltenstraining
Für die Aufnahme in das Verhaltenstraining waren folgende Kriterien entscheidend:
1) Alter: 11 bis 15 Jahre
2) Gewicht: über der 97. bzw. 90. Perzentile bzw. BMI über 24
3) Spürbarer Leidensdruck bzw. Motivation zur Verhaltensänderung
4) Bereitschaft von Eltern und Kind regelmässig am Programm teilzunehmen
Voraussetzung für eine Aufnahme in das Verhaltenstraining war ausserdem, dass ein Kind keine chronischen Krankheiten hatte, welche durch die Gewichtsabnahme oder intensive körperliche Aktivitäten negativ beeinflusst werden könnten.
In einer Eintrittsuntersuchung zu Beginn des Programms, zu Beginn und am Ende des Ferienlagers sowie am Ende des Kurses wurden Körpergewicht, Körpergrösse, Oberarmumfang und Blutdruck gemessen und orthopädische Besonderheiten und allfällige Stoffwechselstörungen abgeklärt. Das Körpergewicht wurde zudem routinemässig alle zwei Wochen bei den Gruppentreffen und dreimal im Sommerlager gemessen.
Ausserdem wurden dreimal während dem Programm Messungen der "Bio Impedanz Aktivity" (BIA) bei den Kindern durchgeführt, um eine differenziertere Beurteilung der individuellen Veränderungen von Fett- und Magermasse vornehmen zu können. Die Messungen wurden vor allem im Hinblick auf ihren Motivationseffekt eingeführt. Da noch verschiedentlich Messfehler auftraten, wurden die Messergebnisse nicht wissenschaftlich ausgewertet.
Grundlagen des Verhaltenstrainings
Da die Anwendung einer einzigen Methode zur Gewichtsreduktion mehrheitlich zu unbefriedigenden Ergebnissen führt, wird heute in der Behandlung von Übergewicht (Adipositas) meist eine Kombination verschiedener Methoden angewendet. Besonders erfolgreich sind Ansätze, in welchen Ernährungsberatung, Bewegungstraining, verhaltenstherapeutische und gruppendynamische Elemente zur Anwendung kommen.
Ziele des Verhaltenstrainings
1) Langfristige Verbesserung der Ernährungsgewohnheiten durch gezielte Veränderung des Essverhaltens
2) Förderung der körperlichen Aktivität und Erhöhung des subjektiven Wohlbefindens
3) Förderung von Konfliktfähigkeit, Selbstverantwortung und Selbstvertrauen
4) Vermittlung von Verständnis für die Ursachen des eigenen Übergewichts
5) Vermittlung von Ernährungskenntnissen und Fertigkeiten in der Mahlzeitenzubereitung
6) Erreichen einer relevanten und zeitlich stabilen Gewichtsabnahme
Prinzipien des Verhaltenstrainings
1) Selbstkontrollansatz (Erlernen einer flexiblen Selbstkontrolle)
2) Systemischer Ansatz (Einbezug der Eltern bzw. Erziehungsberechtigten)
3) Arbeit in Gruppen (max. 12 Kinder, ca. 18 Erwachsene pro Gruppe)
4) Prozessorientierung
5) Hilfe zur Selbsthilfe (Überführung in Selbsthilfegruppen)
Übersicht: Phasenablauf des Verhaltenstrainings
Februar - April Aufnahmegespräche
Mai - Juli 1. ambulante Phase
(5 Treffen)
2. Hälfte Juli Sommerlager für Kinder
September - Januar 2. ambulante Phase
(12 Treffen)
+ 6 Monate 1. Folgetreffen
+ 12 Monate 2. Folgetreffen
Inhalte des Programms
Das aktuelle Programm des Club Minu beinhaltet 15 zweistündige Treffen, die zur gleichen Zeit für die Kinder und ihre Eltern in separaten Räumen stattfinden. Ausserdem werden für die Kinder ein zweiwöchiges Ferienlager (in den Sommerferien) sowie zwei Folgetreffen für Kinder und Eltern (6 bzw. 12 Monate nach dem offiziellen Kursende) durchgeführt.
Zu den wichtigsten inhaltlichen und methodischen Elementen des Programms zählen:
- Regelmässiger Erfahrungsaustausch
- Führen eines Ess- und Bewegungstagebuchs
- Ausarbeitung und Umsetzung eines Vertrags mit kleinen, konkreten Änderungsschritten des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens
- Regelmässige Bewegungstrainings
- Entspannungstraining und Massage
- Praktische Ernährungslehre, Menuplanung und Zubereitung
- Auseinandersetzung mit Gegenkräften der angestrebten Verhaltensänderungen
- Erlernen von neuen Umgangsformen mit Aggressionen und Konflikten
- Erlernen von neuen Umgangsformen mit Esslust und kritischen Essituationen
- Regelmässige Gewichtskontrollen für die Kinder und die Eltern
- Theaterimprovisationen und Rollenspiele
- Vorbereitung von selbstorganisierten Treffen (Selbsthilfegruppe)
- Stärkung der Vorbildfunktion der Eltern
- Nutzung von familiären und sozialen Ressourcen zur Unterstützung der eingeleiteten Verhaltensänderungen (Familiengespräche nach dem Lager und bei Bedarf vor dem Programmende)
- Im Lager werden täglich "Minu-Meetings" durchgeführt, in denen verschiedenste Themen von der Ernährungslehre bis zu Konfliktsituationen mit nicht übergewichtigen Geschwistern diskutiert werden
- Lernen einer alltagsrelevanten Unterteilung der Nahrungsmittel in:
1) Sehr geeignete Speisen für die alltägliche Küche
2) Nahrungsmittel, die mit Mass und Vernunft zu verwenden sind
3) Nahrungsmittel, die selten und in kleinen Portionen verwendet werden sollten
- Sowie Orientierung an den Verhaltensrichtlinien:
- 5 Mahlzeiten pro Tag, d.h. "Znüni" und "Zvieri" in die Menüplanung einbeziehen
- täglich frisches Obst, Salat und Gemüse
- abwechslungsreiche und saisongerechte Mahlzeiten
- nur einmal pro Tag Fleisch bzw. Fisch und ein fleischloser Tag pro Woche
Auf eine detaillierte Darstellung des Programms zur Veränderung des Ernährungsverhaltens und der körperlichen Aktivität wird im Rahmen des vorliegenden Berichts verzichtet und auf die vorangehenden Schlussberichte verwiesen, welche ausführliche Beschreibungen des Programms enthalten. Exemplarisch sollen die wichtigsten Punkte bei der Ausarbeitung eines individuellen Änderungsschrittes bei Eltern und Kindern dargestellt werden.
Grundlagen der Verhaltensänderung
Damit angestrebten Verhaltensänderungen nicht "leere Vorsätze" bleiben, müssen diese auf die persönlichen Ansprüche und die konkrete Lebenssituation der Kinder und Eltern zugeschnitten sein. Verhaltensänderungen, die langfristig erfolgreich bleiben, zeichnen sich vor allem durch fünf Merkmale aus:
1. Sie setzen bei den kritischen Punkten des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens an. Dazu ist es notwendig, dass über mehrere Tage ein Ess- und Bewegungstagebuch geführt und dieses sorgfältig ausgewertet wird.
2. Kleine sich selbst zumutbare Änderungsschritte: Ein Stolperstein, den es bei einer Verhaltensänderung zu vermeiden gilt, sind zu rigorose Vorsätze, mit welchen sich die ProgrammteilnehmerInnen überfordern. Deshalb sollen sich diese nur Änderungen vornehmen, die sie sich selbst zutrauen und von denen sie überzeugt sind, diese auch über längere Zeiträume einhalten zu können.
3. Konkrete Änderungsschritte: Verhaltensvorsätze wie "weniger zu essen", "bei den Süssigkeiten besser aufzupassen", "sich mehr zusammenzunehmen" usw. sind fast nie verhaltenswirksam, da sie viel zu allgemein formuliert sind. Solche Vorsätze lösen höchstens ein schlechtes Gewissen aus, aber sie geben keine klare Orientierung, was konkret geändert wird.
4. Verbindliche Änderungsschritte: Nur Verhaltensvorsätze, die als für sich selbst sinn- voll erachten werden, haben die nötige Verbindlichkeit, um auch im grauen Alltag ernsthaft umgesetzt zu werden. Formulierungen wie "ich sollte", "ich müsste", "ich werde mich bemühen" etc. sind Hinweise dafür, dass eine Verhaltensänderung zuwenig verbindlich ist.
5. Überprüfbare Änderungsschritte: Die Eltern und die Kinder können jeden Tag oder zumindest am Ende einer Woche eindeutig feststellen, ob es ihnen gelungen ist, eine geplante Verhaltensänderung tatsächlich umzusetzen.
13.3.2000
Dr. Robert Sempach, Projektleiter Minu-Projekte