MoveNet24- Infodienst / Autor: Andrej Priboschek

Fitte Kinder lernen besser

Bei immer mehr Schülern werden motorische Schwächen diagnostiziert. Immer mehr sind übergewichtig. Die Schulen steuern kaum dagegen. Mit dem Sportunterricht ist es nicht weit her.

 

 

Gäbe es eine Pisa-Studie, die sich mit der körperlichen Leistungsfähigkeit von Schülern beschäftigt - sie fiele für die deutschen Kinder und Jugendlichen wohl ebenso schlecht aus wie die vorliegende zur Grundbildung. Zwar gibt es in Sachen Sportlichkeit keine breit angelegte internationale Untersuchung,wohl aber Zeitvergleiche. Und die Befunde sind alarmierend. Innerhalb der vergangenen zwei Jahrzente zeigen sich Verschlechterungen "in den verschiedenen Dimensionen der Fitness von bis zu 20 Prozent", wie das Sportwissenschaftliche Institut der Universität Karlsruhe bei einem bundesweiten Test unter Grundschülern herausgefunden hat. So sprangen die Mädchen 1978 im Schnitt 1,41 Meter weit aus dem Stand - 22 Jahre später 22 Zentimeter weniger.

 

 

"Immer mehr Kinder haben motorische Probleme" sagt der an der Studie beteiligte Forscher Alexander Woll. Eine wachsende Zahl von Schülern läuft, wirft oder klettert kaum mehr. Protokolle, für 1000 Sechs- bis Zehnjährige über jeweils eine Woche geführt, ergaben einen durchschnittlichen Tagesablauf, der neun Stunden liegen, neuen Stunden sitzen und fünf Stunden stehen beinhaltet - aber nur noch eine Stunde bewegen. Mehr als ein Viertel der Kinder gab an, höchstens einmal pro Woche draussen zu spielen.Eine Problemgruppe,die vor allem aus armen, bildungsfernen Familien stammt, wie Sportwissenschaftler Woll weiss. " In den motorischen Fertigkeiten spiegeln sich die sozialen Unterschiede", sagt er. Wo sollen sich Kinder in Brennpunkten noch austoben? Die Spielräume in den Städten werden immer kleiner.

  
 Ins Bild passt, dass es immer mehr dicke Kinder und Jugendliche gibt. Mittlerweile sind rund ein Viertel der Schüler übergewichtig, wie eine aktuelle Untersuchung der Sporthochschule Köln ergab. Auch hier ist - neben vererbter Veranlagung, der soziale Status des Elternhauses entscheidend, hat die Sportärztin Christine Graf festgestellt. Ein hoher Fernsehkonsum, falsche Ernährung und Bewegungsmängel hingen eng zusammen. Mehr noch: Die Studie belegt, dass die Konzentrationsfähigkeit von Kindern auch mit ihrer motorischen Leistungsfähigkeit zu tun hat - fitte Kinder lernen besser. 25 Prozent der Schüler sind übergewichtig, 25 Prozent der Schüler kommen kaum vor die Tür, 25 Prozent der Schüler hatte Pisa als extrem lese- und rechenschwach identifiziert. Keine zufällige Übereinstimmung, wie Graf vermutet: " Das sind häufig Kinder, die nicht gefördert, nicht gefordert werden."
  
 Von den Schulen wird kaum gegengesteuert.Mit dem Sportunterricht ist es nicht weit her. Von den drei Stunden Sport pro Woche, die jeder Schüler eiegentlich haben müsste, fallen Schülerbefragungen zufolge im Schnitt mindestens 15 Prozent aus - Tendenz steigend, wie der grösste Elternverband in NRW, die Landeselternschaft der Gymnasien, beobachtet. Der Fachlehrermangel macht sich bemerkbar. Außerdem gebe es nicht genügend Sporthallen für die Schulen, räumt das Landesbildungsministerium ein. NRW-Sportminister Michael Vesper (Grüne) hat die Defizite offenbar erkannt. Jetzt will er ein Konzept vorstellen, wie körperlich besonders leistungsschwache Schüler im Rahmen von zusätzlichem Förderunterricht gestützt werden können.
  
 So löblich eine solche Initiative auch sein mag - sie bedeutet den Experten zufolge nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein. Wissenschaftler Woll fordert zum einen, den Nachwuchs motorisch so früh wie möglich zu fördern, also schon im Kindergarten. Zum anderen müsse dem Sportunterricht generell mehr Gewicht eingeräumt werden. Wie in Baden-Württemberg, wo Kultusministerin Annette Schavan (CDU) für alle Grundschüler eine tägliche Sportstunde einführen wolle. Welche Erfolge täglicher Sportunterricht zeigt, haben die Karlsruher Forscher bei einem hessischen Modellversuch beobachten können. Nicht nur, dass die Kinder deutlich fitter geworden seien, berichtet Woll. Die Aggression auf dem Schulhof sei zurückgegangen, ebenso die Zahl der Unfälle. Auch hätten die Kinder wesentlich mehr Spass an der Schule gezeigt. Was eine Umfrage belegt: Der Anteil der Kinder, die erklärten, schon der Gedanke an Schule mache sie morgens oft missmutig, sank von 57 auf 24 Prozent.
  
Nachdruck mit der freundlichen Erlaubnis der Tageszeitung: Die Rheinische Post, Düsseldorf